Neuromuskuläre Diagnose

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Das neuromuskuläre Funktionsbild baut auf den Erkenntnissen von Bernard Jankelson auf, dem Urheber der Myozentrik. Er ging nicht davon aus, dass der menschliche Unterkiefer bei seiner Bewegung mechanisch durch die Kiefergelenke geführt wird, sondern propriozeptiv durch neuromuskuläre Reflexe. Propriozeption ist das Vermögen, die Position eines Körperteils im dreidimensionalen Raum zu spüren und zu steuern. Sie ist z. B. dafür verantwortlich, dass wir unsere Fingerspitze mit geschlossenen Augen zur Nasenspitze führen können. Und mit einer erheblich größeren Präzision kann unsere Kaumuskulatur unseren Unterkiefer so bewegen, dass wir die Position, in der Höcker und Gruben unserer Zähne am besten zusammenpassen, aufs Haar genau treffen.

Es verwundert wenig, dass sich die neuromuskuläre Sichtweise somit erheblich von der gnathologischen unterscheidet, so auch das Verständnis der Dysfunktion, der Faktoren, die dazu führen und Untersuchungsmethoden, um diese aufzudecken. Dabei liegt der Fokus auf Umständen, die es der Kaumuskulatur erschweren, den Unterkiefer in seine Biss-Stellung zu bewegen und dort einen stabilen Kontakt auf den steinharten und komplex geformten Kauflächen herzustellen.

photometrie

Haltung von Kiefer, Kopf und Körper: Nicht selten sieht man dem Patienten schon von außen eine asymmetrische Stellung seines Unterkiefers im Biss an. Vielleicht wird aber auch der Kopf schief gehalten, die Schultern, oder das Becken. Dies muss nicht unbedingt vom Biss kommen, sondern kann auch andere Ursachen haben. Jedoch machen ausgeprägte Asymmetrien es der Muskulatur prinzipiell schwerer, ausgeglichen zu funktionieren.

Diese Aspekte bewerten wir auch, um entscheiden zu können, welche Kooperationen mit anderen Fachtherapeuten sinnvoll oder erforderlich sind. Manchmal ist es ein Trauma in der oberen HWS nach einem Unfall, manchmal die Folge einer Arbeitshaltung, oder gelegentlich auch eine veränderte Kopfhaltung wegen einer ungeeigneten Brille oder einem Stellungsfehler der Augen. Eine Verbindung zur CMD besteht keineswegs in jedem Fall, aber es gibt auch solche, bei denen eine CMD nicht aufgelöst werden kann, solange solche Faktoren unbeachtet bleiben.

Um hier exakte Informationen zu erhalten und sauber dokumentieren zu können, wurde in unserer Praxis in den 90er Jahren die „Photometrie“ entwickelt, die seither auch in eigenen Kursen gelehrt wird. Im Wesentlichen besteht diese Methode aus einer sorgfältigen Ausrichtung der Kamera und einem speziell entwickelten Hintergrund, der die Auswertung der Bilder am Computer ermöglicht. Obwohl diese Form der Haltungsvermessung wesentlich kostengünstiger ist, als technisch aufwendige 3-D-Vermessungen, werden die Kosten dafür leider nicht von jeder Versicherung übernommen, weil Wechselspiele zwischen dem Biss und der Haltung oft angezweifelt werden (daher ist dem Thema im Bite Blog auch ein eigener Beitrag gewidmet). Jedoch erlaubt uns diese Dokumentation auch eine wichtige Kontrolle über die Auswirkungen von therapeutischen Maßnahmen, sowohl in unserer Praxis, als auch bei Ko-Therapeuten.

triggerpunkt

Die sorgfältige Muskeluntersuchung: Sie zeigt einerseits bestimmte Spannungsmuster mit Überlastung einzelner Muskelpartien auf, die zu erwarten sind, wenn der Unterkiefer ständig verschoben gehalten werden muss. So führt die chronische Verspannung bestimmter Muskeln auch zur Kompression der Kiefergelenke, die dann u. U. Geräusche bei der Bewegung machen. Zum anderen sollen aber auch sogenannte „myofasziale Triggerpunkte“ nicht unentdeckt bleiben. Sie sind nicht selten verantwortlich für Schmerzen, die den Verdacht dann fälschlicherweise auf eine Struktur lenken, z. B. einen Zahn oder ein Kiefergelenk. Zu vergleichen ist dieses Phänomen mit dem „Musikknochen“ am Ellenbogen, der, wenn man sich dort anstößt, Missempfindungen im kleinen Finger auslöst. Würde man seine Suche auf den kleinen Finger beschränken, so wäre es nicht verwunderlich, wenn man dort nichts findet! Noch schlimmer wäre es allerdings, wenn man dort fälschlicherweise einen Eingriff vornehmen würde… 

Die Untersuchung der Kiefergelenke: Natürlich werden die Kiefergelenke auch bei der neuromuskulären Funktionsuntersuchung nicht ganz ausgeklammert. Jedoch interessiert hier kaum, wohin man sie von außen durch Handanlegen schieben kann, oder mit welchen Winkeln. Viel wichtiger ist es, herauszufinden, ob sie chronisch in einer Kompressionsstellung sind, ob die Zuordnung des Diskus noch physiologisch ist, oder ob sie bestimmte Bewegungen blockieren. Auch Entzündungen in den Kiefergelenken sind wichtig, denn sie machen ein anderes Herangehen an die Therapie erforderlich.

Intraorale Zeichen: Auch an den Zähnen lässt sich durch die „Gebrauchsspuren“ viel ablesen. Zahnstellung und Zahnverluste ergeben wichtige Hinweise auf mögliche Verschiebungen, die im Biss eingetreten sein könnten. Dabei ist auch die Funktion der Zunge, der Wangen und der Lippen wichtig, denn diese Strukturen nehmen Einfluss auf die Form der Zahnbögen und die Stellung einzelner Zähne. Wenn man es versteht, diese Zeichen zu lesen, so ergeben sie Verdachtsmomente, die später überprüft werden können, indem man etwas zwischen die Zähne legt, was die Stellung des Unterkiefers im Biss freigibt (daher auch der Name „FreeBite“).

Berührungslose Bewegungsaufzeichnung: Bei der Aufzeichnung der Bewegungen des Unterkiefers achten wir insbesondere auf folgende Faktoren:

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  1. Es werden habituelle Bewegungen aufgezeichnet, also solche, die der Patient von sich aus ausführt und nicht solche, die von außen her durch Schieben am Unterkiefer erzeugt werden.
  2. Dabei befindet sich der Patient nicht in der Rückenlage, sondern sitzt oder steht aufrecht.
  3. Das Aufzeichnungsgerät darf die Bewegungen nicht verfälschen, indem es den Lippenschluss verhindert, Kräfte auf den Unterkiefer überträgt oder die Bewegungen in irgendeiner Form limitiert.

Bewertet wird dabei Ausmaß und Symmetrie der Bewegungen, sowie mögliche Geräusche, Schmerzen oder Blockaden, die bei bestimmten Bewegungen auftreten.

Elektromyographie: Solche elektronischen Muskelmessungen gehören bei uns nicht mehr zum Standardablauf bei einer Funktionsuntersuchung, denn nicht immer ergeben sich daraus Hinweise für die Therapie, die nicht sowieso bereits vorliegen. Jedoch sind sie wertvoll, wenn es darum geht, „der Muskulatur in die Karten zu sehen“, Muskelfunktionen, die unsichtbar ablaufen, aufzudecken. Folgende Aspekte bewerten wir dabei typischerweise:

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  • Wie gut können Muskeln entspannen? Oft ist es den betroffenen Muskeln nicht mehr möglich, wirklich loszulassen – und der Patient weiß gar nichts davon! Diese Messung kann nach einer therapeutischen Maßnahme wiederholt werden, um zu sehen, ob die Entspannbarkeit im Muskel dadurch wieder hergestellt wurde.
  • Wie kräftig können Muskeln im Biss zupacken? Bestimmte Kieferstellungen oder Zahnkontakte können die Funktion einzelner Muskeln fast vollständig blockieren. Auch hier kann man dann vergleichen, ob diese funktionelle Blockade durch eine Schiene behoben wird.
  • Wie zögerlich packen Kaumuskeln zu? Wenn die Zahnkontakte in der Okklusion keine stabile Abstützung des Unterkiefers im Biss ermöglichen, verhindern Reflexe eine schnelle Kraftentfaltung. An dem auftretenden Muster im Elektromyogramm lässt sich oft die Region im Zahnbogen erkennen, in der die Störung sitzt.
  • Gibt es Einwirkungen der Kaumuskulatur auf die Muskulatur im Nacken oder anders herum? Manchmal bewirkt die Therapie einer Muskelpartie die Entspannung in einer anderen, die gar nicht behandelt wurde. So lassen sich Zusammenhänge und Wirkrichtungen aufdecken. Das Bild zeigt z. B. die Ruhespannung in 2 Kau- und 2 Nackenmuskeln, in der linken Säule jeweils vor, in der rechten nach einer Behandlung. Obwohl nur die Kaumuskulatur behandelt wurde, haben sich auch Muskeln im Nacken entspannt, also gehen die Verspannungen im Nacken wahrscheinlich auf Probleme mit dem Biss zurück.
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Digitale 3-D Röntgendiagnostik: Die Kiefergelenke sind zwar fast nie die Ursache für die CMD, aber sie können durch die CMD so stark in Mitleidenschaft gezogen werden, dass sie dennoch einer erfolgreichen Therapie im Wege stehen. Auch diese Diagnostik ist nicht Teil der Standarduntersuchung, steht aber im Bedarfsfalle mit einer modernen Röntgenanlage zur Verfügung. Wenn kein Bedarf für die dreidimensionale Darstellung von Zähnen besteht, können wir das zur Darstellung der Kiefergelenke nicht benötigte Feld auch auf die obere HWS legen und so vielleicht dort Probleme in Form eines Nebenbefundes aufdecken, so dass sich ihrer ein Arzt annehmen kann, der sich auf diese Region spezialisiert hat.


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