Gnathologische Diagnose

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Urheber der Gnathologie war Beverly McCollum, ein Professor an der Universität in Los Angeles. Er ging davon aus, dass man jedem Gelenk eine Bewegungsachse zuordnen könne und so müsse dies auch beim Kiefergelenk möglich sein. Des Weiteren sah man in den Kiefergelenken eine Art mechanische Führung der Bewegung des Unterkiefers. McCollum verglich sie in seinem Buch mit einem Rad, das sich um eine Achse drehe: die Kaumuskulatur sorge für Bewegung, die Achse definiere die Richtung.

mccollum

Veröffentlichung in Popular Science Juni, 1939

Jedoch war es gar nicht so einfach, bei den Kiefergelenken eine solche Achse zu finden! Schließlich drückte man den Unterkiefer des Patienten soweit zurück, bis in den Kiefergelenken keine Gleitbewegung mehr auftreten konnte, sondern nur noch eine Drehbewegung – und schon hatte man die gesuchte Achse gefunden, die sogenannte „terminale Scharnierachse“. In der Gnathologie dreht sich fast alles um diese Achse und die Kiefergelenke. Gnathologische Techniken werden bis heute in mehr oder weniger abgewandelter Form an deutschen Universitäten gelehrt und sind daher recht häufig anzutreffen.

Gesichtsbogen: Damit überträgt man das Modell des Oberkiefers in einen Artikulator, ein Haltegerät für die Modelle, das gewisse Bewegungen simulieren soll. Was dabei oft in Vergessenheit gerät, ist, dass das obere Modell dabei nicht einfach auf magische Weise „richtig“ in den Artikulator gestellt wird, sondern passend zu einer ganz bestimmten Position des Unterkiefers, nämlich der, wenn dieser zurückgedrückt mit seinen Kiefergelenken in der terminalen Scharnierachse steht. Früher musste man daher diese Position zuerst mühsam bestimmen und die Achsenpunkte dann mit dem Gesichtsbogen abgreifen. Inzwischen macht sich kaum noch jemand diese Mühe, sondern man richtet sich nach den Gehörgängen, in die der Gesichtsbogen eingelegt wird. Die terminale Scharnierachse vermutet man dann um einen bestimmten Mittelwert davor und darunter. Stehen dabei die Ohren jedoch schief, so landen notgedrungen auch die Modelle schief im Artikulator.

axiographie

Axiographie: Damit werden die Winkel gemessen, mit denen man die Kondylen der Kiefergelenke aus ihrer Stellung in der terminalen Scharnierachse heraus verschieben kann. Die Hoffnung ist, dass man den Artikulator mit den gleichen Winkeln „programmiert“ und dieser sich dann ebenso bewegt, wie es der Patient tun würde. Dabei wird übersehen, dass der Unterkiefer des Patienten in aller Regel aus der Zuordnung im Biss heraus nach hinten geschoben werden muss, in die Ausgangsstellung in der terminalen Scharnierachse. Der Patient hat aber keine Veranlassung, bei seinen Bewegungen jeweils den Unterkiefer zuerst zurückzuziehen, um von dort aus eine Bewegung einzuleiten, wie dies im Artikulator geschieht. Er bewegt vielmehr seinen Unterkiefer zielgenau auf eine bestimmte Position zu – meist seine Bissposition, in der die Zähne am besten und stabilsten aufeinander passen. In der Praxis meines Vaters haben wir früher Axiographien routinemäßig durchgeführt, allerdings mit mechanischen Geräten. Am Prinzip hat sich bis heute kaum etwas verändert, außer, dass die Aufzeichnungen heute mithilfe von elektronischen Geräten erfolgt, die von den diversen Herstellern sehr effektiv beworben werden.

abgleitkontakte

Die Suche nach Abgleitkontakten: Die frühen Gnathologen postulierten einfach, der Biss habe beim Menschen entlang einer Kreisbahn getroffen zu werden, die sein Unterkiefer bei der Bewegung um die terminale Scharnierachse beschreibt. Dieses Postulat stimmte nicht, wurde aber unzählige Male wiederholt, bis es heute, Generationen später, kaum noch jemand hinterfragt. Die Dysfunktion wird häufig darin gesehen, wenn der Unterkiefer aus dieser Kreisbahn abweichen muss, damit die Zähne im Biss aufeinander passen. Zahnärzte versuchen dies nicht selten zu ermitteln, indem sie den Unterkiefer ihrer Patienten mit der Hand führen. Gelingt es nicht, auf diese Weise den Biss zu treffen, vielleicht auch, während der Patient auf dem Rücken liegt, so wird oft darin der Grund für die CMD gesehen. Meist rutscht der Unterkiefer dann auf „Abgleitkontakten“ auf den hinteren Zähnen in seine Biss-Stellung und vielleicht werden diese dann auf der Stelle eingeschliffen.

Mein Vater gründete 1970 das Institut für Temporo-Mandibuläre Regulation, um Okklusion, das Auffinden solcher Störungen und die sogenannte „Aufwachstechnik“ der Okklusionsgestaltung zu lehren. Seit 1986 werden dort neuromuskuläre Techniken gelehrt.

Front-Eckzahnführung: Ein weiteres Postulat der frühen Gnathologen ist, dass die Kaumuskulatur ziemlich unkoordiniert und grob arbeitet. Darin sah man den Grund für das Zähneknirschen, quasi „wild gewordene“ Kaumuskeln, die nun das Gebiss zu zerstören suchen. Man suchte dies zu unterbinden, indem man die Seitenzähne nur in der Biss-Stellung erreichbar machte. Steil ausgeformte Eck- und Schneidezähne führten den Unterkiefer wie in einem Trichter in seine Biss-Stellung. War eine solche Stellung der Frontzähne nicht von selbst gewachsen, so simulierte man sie auf einer Schiene oder stellte sie her, indem man Zähne kieferorthopädisch entsprechend bewegte oder indem man Kunststoff aufklebte. Bis heute wird der Grund für eine CMD nicht selten in einer fehlenden Front-Eckzahnführung gesehen. In dieses Bild passt nicht die Erfahrung mit Patienten mit einem sogenannten „Deckbiss“, bei dem sich die Schneidezähne steil überlappen. Sie haben ein wesentlich höheres Risiko, CMD-Probleme zu entwickeln, als solche, bei denen die unteren Schneidezähne vor den oberen stehen und die daher überhaupt keine solche Frontzahnführung haben!

Stress, Psyche: Nicht selten werden dentale Ursachen einer CMD fast völlig verleugnet. Eigentlich gehört dieser Punkt nicht hierher, zur Gnathologie, denn gerade Gnathologen gingen von zahnbezogenen Ursachen bei der CMD aus. Konnte man einem CMD-Patienten aber nicht mit gnathologischen Maßnahmen helfen, so stellte man nicht etwa diese Maßnahmen infrage, sondern die psychische Gesundheit des Patienten. Die sogenannte „evidenzbasierte“ Wissenschaft konnte für gnathologische Maßnahmen kaum fundierte Hintergründe finden. Statt andere Methoden zu untersuchen, stellte sie die Rolle der gesamten Zahnmedizin in Bezug auf die CMD infrage, sodass es heute vielfach als „wissenschaftlich erwiesen“ gilt, dass die CMD kaum etwas mit der Zahnstellung und dem Biss zu tun hat. Dies ist ein Problem vor allem für die Patienten, die erst infolge einer Bissumstellung eine CMD entwickelten, denn es gibt Kostenträgern einen Grund, die Bezahlung von zahnärztlichen Maßnahmen bei einer CMD zu verweigern.

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